Seriously mad but quite normal: Missing in Action

26. November 2012

Missing in Action



I

Hoch am Himmel sah man zwei Greifvögel kreisen. Das weite Hügelland war verlassen und menschenleer. Die Sonne neigte sich zum Horizont, der Tag ging zu Ende. "T'ri'On, lass uns dort bei dem Findling rasten!" Mit diesen Worten ging T'ri'Ee in den Sturzflug über; sein Bruder folgte ihm auf der Stelle. Sie landeten am Fuße eines Hügels hinter einem mehr als zehn Fuß hohen Monolithen. Auf der anderen Seite des Felsens plätscherte ein Flüsschen dahin, der nahe Wald versprach genug Holz. Hier würden sie die Nacht verbringen. Ein Beobachter wäre wohl nicht nur ein wenig, sondern ziemlich verwundert gewesen, hätte er die Szene verfolgt. Da stürzten zwei riesige Vögel vom Himmel und landeten hinter einem großen Felsen, um sich am Boden plötzlich in zwei Krieger zu verwandeln.


"Wo sich Ta'ri'Un wohl herumtreibt? Er sollte den K'arunoi doch nur bis in die Nähe der Grenze folgen, um zu sehen, ob sie das Land der T'era'noi, ob sie unsere Heimat wirklich nur passieren wollen. Sie sollten uns auf alle Fälle keine böse Überraschung bereiten, indem sie sich in den Hügeln sammeln und einen Angriff auf uns starten. Nun sind wir nur noch etwa acht Meilen vom Tu'aron entfernt, und von oben war weit und breit nichts von ihm und den K'arunoi zu entdecken. Ich frage mich, ob er einfach mal wieder zu neugierig war, und wissen wollte, was sie jenseits des Tu'aron vorhatten. Er ist dann leichtsinnig genug, um sich in Gefahr zu bringen." T'ri'On schien nicht nur ein wenig verstimmt, sondern geradezu verärgert zu sein. Oder er machte sich einfach Sorgen um den Alten. Und so meinte T'ri'Ee leichthin: "Du weißt doch, wie zerstreut er oft ist! Wir haben schon mehrmals lange auf ihn warten müssen, weil ihm wieder eine Formel zur Rückverwandlung nicht mehr eingefallen war. Ta'ri'Un - unser ehrwürdiger Tau'ri'Olom - sitzt vermutlich irgendwo im Wald und rätselt, wie der magische Spruch nun lautet, mit dem er sich vom Eichhörnchen in einen Adler verwandeln kann. Also, mach Dir nicht zu viel Gedanken um ihn! Er wird schon wieder auftauchen." - "Vermutlich hast Du recht. Ich werde im Wald Holz sammeln fürs Abendessen und für die Nacht. Siehst Du zu, ob der Fluss etwas für uns bereithält? Ich hätte Lust auf gebratenen Fisch." Damit wandte sich T'ri'On schief grinsend um und stapfte wortlos in Richtung des Waldes davon. 

T'ri'Ee dachte noch eine Zeitlang nach, wo sich der alte Ta'ri'Un wohl hingewandt hätte. Er vermutete, dass er über dem Wald geflogen war. Von dort hatte er gute Sicht auf den Weg, der zur Grenze führte, ohne selbst allzu sehr aufzufallen. Sie würden morgen den Wald absuchen - einer würde fliegen, der andere als Wolf den Wald durchstreifen. So, nun würde er sich um Fisch kümmern, denn sein Bruder käme sicher bald mit genug Holz zurück. Und wenn er Hunger hatte, wurde sein Bruderherz noch ungeduldiger als sonst. Er stand auf, um auf der anderen Seite des Findlings am Fluss ein, zwei schöne Fische zu fangen. Er hatte den Stein noch nicht ganz umrundet, als zu seinen Füßen ein großer Pek'un-Wels lag und heftig zappelte. Na, das Glück war ihm hold. Der Wels war wohl bei einer seiner Wanderungen durch das Grasland hier auf den Sandfleck geraten und das hatte ihn offensichtlich ziemlich erschöpft. Wenn sie eine Stunde später hier angekommen wären, würde dieses kapitale Biest tot gewesen sein. So aber wüsste er, dass das Tier gesund und frisch war. Er würde ihn töten und ausnehmen, danach im Fluss den ganzen Sand abwaschen. Bis dahin war sein Bruder soweit, dass er ein kleines, aber gutes Feuer in Gang gebracht hatte. Dann würden sie den Wels mit Kräutern füllen und braten. Der Rest würde ihnen beiden morgen früh auch noch ein leckeres Frühstück abgeben. Zufrieden schnappte er sich den Pek'un, dessen Gewicht er auf gut 4 Gaff oder mehr schätzte, und ging zum Lagerplatz zurück. Dort legte er den Fisch ab, setzte sich auf den Boden und nestelte ein kleinen Lederbeutel hervor, der an seinem Fuß befestigt war. Darin waren kleine Steinchen und Holzstücke, die er ausschüttete, sich ein Holzstäbchen griff, und die Reste des Inhalts wieder in den Beutel rieseln ließ. Er hielt das Holzstück in der offenen Hand und murmelte ein paar unverständliche Silben. Und hatte plötzlich ein großes Messer in der Hand. 

Wie gut, dass die T'era'noi magische Macht über die Materie ausüben konnten. Sie konnten sich in andere Lebewesen und ihre Ausrüstung in kleine, leicht zu transportierende Dinge verwandeln. Schon mancher Schurke hatte nicht schlecht gestaunt, wenn sich ein lächerlicher, dürrer Ast in der Hand eines Angehörigen des Volkes der Wandler sich plötzlich in ein Schwert verwandelte, und der scheinbar wehrlose und unbewaffnete Wanderer ein ernst zu nehmender Gegner wurde. Zumal jeder wusste, dass die T'era'noi nicht nur hervorragende Magier, sondern auch geschickte und gnadenlose Krieger waren. 

Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen griff er sich den Wels wieder, der sich nun nochmals heftig wand und mit dem Schwanz schlug. Er war also gesund und stark. Beim Gedanken an das Abendessen lief T'ri'Ee schon das Wasser im Munde zusammen. Es war gar nicht so einfach, den großen, sich wild windenden Wels mit einer Hand zu halten, um ihn mit einem Stich ins Herz zu töten. Er schien zu ahnen, dass er getötet werden sollte. Aber der Gestaltwandler war ein versierter Jäger und Angler; er wartete eine kurze Erschöpfungspause des Fisches ab, um ihm dann das Messer ins Herz zu treiben. Noch einige heftige Zuckungen, dann erschlaffte der Wels, und T'ri'Ee machte sich ans Ausnehmen. Da kam auch schon sein Bruder mit einer enormen Menge Holzes aus dem Wald. T'ri'Ee erzählte ihm von seinem Glück bezüglich des Abendessens, und schickte seinen Bruder nochmal los, um auf den Wiesen ringsum wilden Dill, Steppenmöhre, Schwarzgimmel und Parekagras zu sammeln, mit dem er den Fisch füllen wollte. In weniger als einem Dodekant würden sie genüsslich speisen.

(Fortsetzung folgt)

Glossar:

Dill, wilder: Ein Wildkraut, dessen feingliedrige Blätter von würzigem Geschmack sind und hervorragend zu Fisch passen. Wird in geringen Mengen auch Salaten beigegeben.

Dodekant: Zwölfter Teil des Tages bzw. der Nacht, entspricht etwa einer Stunde. Diese Zeiteinheit wird weiter unterteilt in 15 Mokant, was etwa je 4 Minuten entspricht, und diese wiederum in 30 Ruk, was dann ungefähr 8 Sekunden entspricht.

Gaff: Gewichtseinheit der T'era'noi, entspricht in etwa 1150 Gramm. Das Gaff unterteilt sich weiter in 2 Trun (je etwa 675 Gramm) und 500 Pok (je etwa 2,3 Gramm).

K'arunoi: Ein wildes Nomadenvolk, das durch die Lande zieht. Niemand weiß genau, aus welcher Ecke der bekannten Welt die K'arunoi stammen. Ihre Mythen besagen, dass ihr Gott Arun sie selbst geschaffen habe, lange bevor die Welt ihr heutiges Gesicht hatte. Der Name "K'arunoi" ist aus der alten Magiersprache entnommen und bedeutet: Die ohne Heim sind.

Parekagras: Ein Kraut, das leicht bitter schmeckt und fette Speisen bekömmlich macht.

Pek'un: Eine Welsart, die in allen Flüssen verbreitet ist. Pek'un-Welse werden etwa 3 Fuß lang und erreichen ein Maximalgewicht von 5 Gaff.

Schwarzgimmel: Ein Wildkraut, das Fleisch und Fisch einen würzigen Geschmack verleiht und die Verdauung unterstützt und erleichtert.

Steppenmöhre: Ein Wurzelgewächs, bei dem sowohl die Blätter als auch die Wurzelknolle einen ganz leicht süßlichen Geschmack aufweisen. Bekömmliches und nahrhaftes Wildgemüse, das in der Steppe sehr verbreitet ist.

T'era'noi: Magisches Volk von Gestalt- und Materiewandlern, das weltweit gefürchtet und respektiert wird. Seit vielen tausend Sonnenumläufen siedeln die "Wandler" - wie sie auch genannt werden - in den weiten Ebenen und dem Hügelland zwischen den T'arrbergen im Osten und dem Spiegelozean im Westen, zwischen dem trägen, breiten Strom des B'lir'ant im Süden und dem wilden, reissenden R'kant im Norden. Der Bezeichnung "T'era'noi" bedeutet nicht anderes als: "Volk der Adler". Der Adler ist das edelste und am höchsten verehrte Tier der bekannten Welt. Er wird dem Gott Eratul zugeordnet.


Kommentare:

  1. Das ist ja die reinste Apostrophokalypse, wenn man sich durch die Namensliste liest. ;)

    Aber bin auf die Fortsetzung gespannt.

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  2. Apostrophokalypse - das ist ein schönes, ein wunderschönes, ein wunderschön schönes Wort! Und ich liebe wunderschön schöne Wörter. Das ist ein ganz tolles Geschenk von Dir! DANKE!!!!

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